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Nicht immer lässt sich die Ursache von Schmerzen finden. Ist das der Fall, sprechen wir von idiopathischen Schmerzen. Leider ist es keine Seltenheit, die Schmerzursache nicht zu finden. Von chronischen Schmerzen sprechen wir, wenn die Beschwerden länger als sechs Monate anhalten. Oft ist in diesen Fällen die auslösende Ursache bereits behoben oder ausgeheilt, der Schmerz hat seine wichtige Warnfunktion verloren und kann sich auch auf andere Bereiche des Körpers ausdehnen. Es entsteht so eine eigenständige Krankheit, die die Lebensqualität der Betroffenen deutlich mindert. Unser Körper erlernt Schmerzempfindungen. Je öfter er mit Schmerzen konfrontiert wird, umso intensiver und länger wird diese Empfindung. Und anders als bei anderen Sinneswahrnehmungen nutzt sich die Schmerzempfindung nicht ab. Im Gegenteil: je öfter wir den Schmerz spüren, umso stärker empfinden wir ihn. Die Schmerzschwelle wird also herabgesetzt.

Wie bleiben starke Schmerzen im Gedächtnis? Einerseits durch bewusste Erinnerungen in unserem Gehirn, andererseits hinterlassen länger andauernde Schmerzen auch biochemische und sogar genetische Spuren in allen beteiligten Zellen. In den Nervenzellen bilden sich bspw. vermehrt Bindungsstellen für den Botenstoff Glutamat, der für die Weiterleitung der Impulse im Rückenmark sorgt. Die vermehrte Anzahl an Glutamatrezeptoren sorgt also für eine bessere und intensivere Schmerzweiterleitung. Sogar die Erbsubstanz der Zellen verändert sich, die Schmerzempfindlichkeit wird bei der Zellerneuerung weiter vererbt.

Ähnliche Spuren hinterlässt der ständige Schmerz auch im Gehirn selbst: die Hirnregion, in der der Schmerz verarbeitet wird, differenziert sich aus, den andauernden Rückenschmerz spüren wir dann auch in Hüfte oder Beinen. Das liegt daran, dass im Gehirn die Verarbeitungszentren für Sinnesreize benachbarter Körperregionen nebeneinander liegen. Bei Dauerschmerz dehnt sich die Verarbeitungsregion dann auf benachbarte Hirngebiete aus, also bei Rückenschmerzen bspw. auf Bereiche, die eigentlich für die Sinnesempfindungen aus Armen oder Beinen verantwortlich sind.

Bei Dauerschmerz verändert sich das Reiz-Reaktions-System. Schon ein kleiner Schmerzimpuls genügt und die Nervenzellen feuern intensiver und verstärken so den Impuls um ein Vielfaches. Wie eine immer wieder geübte Hausaufgabe oder Sportübung brennt sich der Schmerz dann in unser Nervensystem ein. Wer bspw. lange unter Spannungskopfschmerzen leidet, empfindet dann selbst bei kleinen Muskelanspannungen bereits den bekannten starken Spannungskopfschmerz.

Wie lässt sich unser Schmerzgedächtnis löschen? Da der chronische Schmerz komplex in viele Systeme unseres Köpers eingreift und diese verändert, ist auch der Behandlungsansatz vielschichtig. Medikamentös werden bspw. Antidepressiva eingesetzt, weniger, um die Stimmung aufzuhellen, sondern weil sie die Schmerzverarbeitung im Gehirn positiv beeinflussen. Andere Arzneimittel blockieren direkt den Austausch schmerzverstärkender Mineralstoffe im Gehirn, der Schmerz wird gedämpft. Nachweislich positiv wirken Akupunktur, Bio-Elektro-Stimulation und myofasciale Behandlungen, im Einzelfall begleitet von Krankengymnastik, Bewegungstherapie und Entspannungsübungen (z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation). Ganz wesentlich aber ist es, dass der Betroffene eine Bewältigungsstrategie für seinen Schmerz lernt, dass er lernt, sich dem Schmerz nicht auszuliefern, sondern ihn zu kontrollieren und ein Stück weit mental auszublenden.